Ausblick auf die EU-Programme 2014-2020 für die Sozialwirtschaft – Interview mit Henning Braem von der bfs in Brüssel

Braem bfsHenning Braem ist EU-Referent der Bank für Sozialwirtschaft (bfs) in Brüssel. Er hat vor Ort direkten Zugang zu den aktuellen Informationen über die neue EU-Förderperiode 2014-2020. Ich hatte letzte Woche die Gelegenheit, mit ihm über den aktuellen Stand der Fördermöglichkeiten zu sprechen.

Lieber Herr Braem, schön dass Sie Zeit für ein Interview auf unserem Fördermittel-Blog gefundenen haben. Würden Sie unseren Lesern die Arbeit der Bank für Sozialwirtschaft in Brüssel bitte kurz vorstellen?

Das Brüsseler Büro der Bank für Sozialwirtschaft verfolgt die europäischen Entwicklungen im Bereich der Sozial- und Gesundheitswirtschaft, die für die Geschäftsfelder der Bank von Relevanz sind, ohne dabei klassische Lobbyarbeit zu betreiben. Der Schwerpunkt liegt insoweit auf dem Monitoring und der Auswertung der einschlägigen EU-Politik. In diesem Rahmen bietet die bfs das speziell auf Akteure aus der Sozial- und Gesundheitswirtschaft in Deutschland ausgerichtete Europäische Fachinformationssystem EUFIS (www.eufis.eu) an, welches nach Registrierung jedem interessierten Nutzer kostenfrei offensteht.

Interessant für Träger, die EU-Fördermittel für Ihre Aktivitäten nutzen wollen, ist dabei besonders der Bereich „Förderung“. Dort findet sich eine praxisgerecht aufbereitete Darstellung der für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft relevanten EU-Fördermöglichkeiten. Auch besteht die Möglichkeit, sich über einen E-Mail-Benachrichtigungsdienst über anstehende Fristen und Aktualisierungen der EU-Förderprogramme informieren zu lassen.

Die Verhandlungen über den EU-Haushalt für die Jahre 2014 bis 2020 wurden im Sommer abgeschlossen.  Auf welche wesentlich geänderten Rahmenbedingungen müssen sich die Träger der Sozialwirtschaft einstellen?

Kennzeichnend für die neue Förderperiode ist, dass die Mittelvergabe noch stärker auf die Ziele der EU-2020-Strategie ausgerichtet werden. Diesbezüglich wird in der neuen Förderperiode ein stärkerer Fokus auf Messbarkeit und Effektivität gelegt werden, sodass Kennzahlen und Zielgrößen an Bedeutung gewinnen werden. Im Bereich der Strukturfonds wird mit den Übergangsregionen mit einem BIP pro Kopf zwischen 75 und 90% des EU-Durchschnitts eine neue EUFIS_Logo_blau_negRegionenkategorie eingeführt. Für den Europäischen Sozialfonds (ESF) gilt, dass 20% der Mittel für Förderung der sozialen Eingliederung und die Bekämpfung der Armut bereitgestellt werden sollen.

Werden die Budgets für den Europäischen Sozialfonds (ESF) für Deutschland tatsächlich um 30% gekürzt werden?

Das ESF-Budget in Deutschland wird im Bereich der Strukturanpassung von Regionen mit Entwicklungsrückstand (Konvergenzziel) voraussichtlich von 3,5 Milliarden Euro auf 2,5 Milliarden Euro, also um ca. 30 % abnehmen. Hintergrund ist, dass die ESF-Förderung stärker auf weniger entwickelte Regionen ausgerichtet wird, sodass Deutschland als Mitgliedstaat mit überwiegend stärker entwickelten Regionen bzw. Übergangsregionen an diesen Fördermitteln nicht partizipiert.

BFS-LogoDie Zusammenlegung der Aktionsprogramme für Lebenslanges Lernen, Jugend in Aktion und Sport zum neuen Programm Erasmus+ wurde beschlossen. Bedeutet das neue Chancen oder eher zurückgehende Fördermöglichkeiten?

Ziel der Zusammenlegung ist eine einfachere und transparentere Programmarchitektur, um transparentere Antragsverfahren und einen Rückgang des Verwaltungsaufwands zu erreichen. Gleichzeitig wurde das Budget deutlich auf ca. 13 Milliarden Euro erhöht. Angesichts dessen, dass die Unterprogramme weitgehend unverändert bleiben, bedeutet dies eine erhebliche Aufwertung.

Was erwarten Sie von den vereinfachten Verwaltungsverfahren, die in Brüssel bereits beschlossen wurden?

Die Erfahrungen der aktuellen Programmperiode zeigen, dass der Verwaltungsaufwand für die Empfänger und damit die Kosten zu hoch sind, sodass sich im schlimmsten Fall die Teilnahme an einem Aufruf nicht mehr lohnt. Die beschlossene Vereinfachung der Verwaltungsvorschriften betrifft im Wesentlichen Vereinfachungen bei der Abrechnung, wie die Verwendung von Pauschalsätzen und Pauschalfinanzierungen, und kann insoweit zu Erleichterungen führen.

Können Sie einen Tipp geben, wie sich gemeinnützige Organisationen bereits jetzt auf die neue Förderperiode 2014 bis 2020 vorbereiten können?

Grundsätzlich sollte die Entwicklung genau verfolgt werden und die Konzeptplanung frühzeitig begonnen werden bzw. nach Möglichkeit schon weitgehend abgeschlossen sein, damit dann möglichst zeitnah auf Aufrufe reagiert und das Konzept eingereicht werden kann. Hinsichtlich der angesprochenen Kürzungen von ESF-Mitteln ist davon auszugehen, dass in der neuen Programmperiode eher diejenigen Programme weiterhin gefördert werden, die in der Vergangenheit gute Ergebnisse erzielt haben. Insoweit ist eine vorausschauende Planung sicherlich ratsam.

Lieber Herr Braem, wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Einschätzungen.

Förderlotse Weiterbildungen zur EU-Förderung

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